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Methode · PKP

Selbstwertprobleme: wenn der eigene Wert ständig zur Prüfung steht

Ein Kollege korrigiert eine Zahl in Ihrer Präsentation, und für den Rest des Tages fühlen Sie sich klein. Die Zahl selbst ist schnell vergessen. Was bleibt, ist das, was sie angeblich über Sie aussagt. Genau dort setzt der Begriff des Selbstwertproblems an.

Stand: Oktober 2026Lesezeit ca. 5 Minuten

Das Wichtigste in Kürze

  • In der PKP nach Stavemann ist das Selbstwertproblem einer von drei Problembereichen, neben Frustrationsintoleranz und existenziellen Problemen.
  • Es entsteht, wenn jemand seinen Wert als Person an ungünstige Maßstäbe knüpft, etwa an Leistung, Beliebtheit oder Aussehen.
  • Solche Selbstwertkonzepte sind gelernt und lassen sich prüfen.
  • Betroffene kommen selten wegen ihres Selbstwerts, meist wegen Angst, Niedergeschlagenheit, Scham oder körperlicher Beschwerden.

Selbstbewertung ist normal, pauschales Selbstbewerten nicht

Menschen bewerten ständig, auch sich selbst. Habe ich das gut gemacht? War das freundlich? Solche Urteile sind nützlich, solange sie sich auf einzelne Handlungen und Eigenschaften beziehen und halbwegs realistisch bleiben. Harlich H. Stavemann, auf dessen Arbeiten die Integrative Kognitive Verhaltenstherapie zurückgeht, zieht die Grenze an einer bestimmten Stelle: dort, wo aus einem Urteil über eine Handlung ein Urteil über den ganzen Menschen wird.

Ein Selbstwertproblem liegt nach diesem Verständnis vor, wenn jemand seinen Wert als Person nach Maßstäben bestimmt, die seinen eigenen Lebenszielen und seinem emotionalen Befinden schaden. Diese Maßstäbe nennt Stavemann Selbstwertkonzepte. Angeboren sind sie nicht. Man lernt sie in der Familie, in der Schule, unter Freunden und aus der Kultur, in der man aufwächst.

Typische Selbstwertkonzepte

Die meisten Selbstwertkonzepte folgen wenigen Mustern. Am häufigsten ist der Leistungsmaßstab: Wer Fehler macht, ist weniger wert. Wer verliert, taugt nichts. Fast ebenso verbreitet ist der Beliebtheitsmaßstab. Wer gemocht wird, ist etwas wert, wer abgelehnt wird, nicht. Daneben gibt es ganze Eigenschaftslisten, auf denen Intelligenz, Aussehen, Fitness, Einkommen oder gesellschaftliche Stellung stehen, und Mischformen aus allem.

Stavemann unterscheidet außerdem zwei Richtungen. Beim einen Muster hängt der eigene Wert davon ab, bestimmte Bedingungen zu erfüllen: Ich bin erst etwas wert, wenn ich erfolgreich, schlank und beliebt bin. Beim anderen sinkt der Wert, sobald etwas schiefgeht. Ein Fehler, eine Ablehnung, ein Leistungsknick, und die Bilanz rutscht ab. Dieses zweite Muster ist besonders tückisch. Ein einmal verlorener Wert lässt sich kaum zurückgewinnen, und jeder neue Fehler kommt hinzu.

Warum die Rechnung nicht aufgeht

Schaut man sich ein Selbstwertkonzept genau an, zeigen sich Denkfehler, die in jedem anderen Zusammenhang sofort auffallen würden. Eine einzelne Eigenschaft wird zum Maßstab für einen ganzen Menschen. Aus einer Beobachtung wird eine Regel. Dinge, die sich nicht vergleichen lassen, werden gegeneinander verrechnet, etwa Hilfsbereitschaft gegen Gehalt.

Ein Rechenbeispiel macht das deutlich. Wer seinen Wert aus mehreren Kriterien multipliziert, landet bei einem einzigen Nullwert auf null, ganz gleich, wie gut alles andere ist. Wer stattdessen addiert, müsste beantworten, wie viele Punkte Freundlichkeit im Vergleich zu einem Universitätsabschluss bringt. Beide Varianten führen nach Stavemann ins Leere. Einen objektiven, allgemein gültigen Maßstab für den Wert eines Menschen gibt es nicht.

Ein einfacher Prüfstein: Gelten Ihre Maßstäbe auch für Menschen, die Sie schätzen? Wenn Ihre beste Freundin einen Fehler im Bericht macht, halten Sie sie dann für eine Versagerin? Fast nie. Für sich selbst gilt oft ein strengeres Gesetz.

Woran man ein Selbstwertproblem im Alltag merkt

Selbstwertprobleme zeigen sich selten unter ihrem Namen. Sie zeigen sich als Gefühle, die zum Anlass unverhältnismäßig wirken. Kritik kränkt tagelang. Ein Fehler löst Scham aus. Vor dem Gespräch mit der Vorgesetzten steigt die Nervosität, weil ein Gesichtsverlust droht. Im Denken fällt auf, wie schnell ein einzelner Misserfolg zur Gesamtbilanz wird: Ich bin eine Niete.

Manche reagieren umgekehrt und verlegen die Schuld nach außen. Das Netz war schlecht, die Sonne hat geblendet, der Partner hat abgelenkt. Auch das gehört zum Bild, denn die Abwehr ist nur nötig, weil ein Fehler als Angriff auf den eigenen Wert erlebt wird. Wieder andere passen sich an, sagen kaum Nein und arbeiten länger als alle anderen. Sie gelten als zuverlässig. Und leiden still.

Hinter welchen Beschwerden es stecken kann

Stavemann und Kollegen zählen Selbstwertprobleme zu den häufigsten Ursachen der Beschwerden, mit denen Menschen in die ambulante Psychotherapie kommen. Die Betroffenen wissen das meistens nicht. Sie kommen wegen Angst vor Präsentationen, wegen depressiver Phasen, wegen Erschöpfung oder körperlicher Beschwerden. Das Selbstwertkonzept, das diese Beschwerden antreibt, bleibt im Hintergrund.

Deshalb setzt die PKP nicht beim Symptom an. Zwei Menschen mit Prüfungsangst können ganz verschiedene Probleme haben. Der eine fürchtet, durch eine schlechte Note als Mensch weniger wert zu sein. Die andere fürchtet vor allem die zähe Lernzeit und die Anspannung vor dem Termin. Das erste ist ein Selbstwertproblem, das zweite eher ein Problem der Frustrationsintoleranz. Behandelt wird beides unterschiedlich.

Wie die PKP ein Selbstwertproblem erkennt

Im Erstgespräch und in den ersten Sitzungen frage ich nach konkreten Situationen und danach, was in Ihnen vorgeht. Eine Frage kehrt dabei oft wieder: Was würde es über Sie aussagen, wenn das tatsächlich passiert? Wer darauf antwortet „Dann wäre ich unfähig“ oder „Dann wäre ich nichts wert“, gibt einen Hinweis auf ein Selbstwertkonzept.

Die PKP schaut außerdem darauf, wie Probleme zusammenhängen. Ein Selbstwertproblem kann allein stehen, neben einem anderen Problem bestehen oder auf ein anderes folgen. Ein häufiges Muster: Jemand schiebt Aufgaben auf, weil sie ihm lästig sind, und wertet sich anschließend dafür ab, dass er schon wieder nichts geschafft hat. Stavemann und Hülsner beschreiben solche Konstellationen als hierarchische Probleme, bei denen ein Selbstwertproblem auf ein Frustrationsintoleranzproblem aufbaut. Die Reihenfolge entscheidet mit darüber, womit die Therapie beginnt.

Was in der Therapie geschieht

Die Arbeit verläuft in drei Schritten, wie Stavemann sie auch in seinen Büchern für Betroffene beschreibt. Zuerst geht es um Problembewusstsein: Welche Maßstäbe verwenden Sie, woher kommen sie, und was kosten sie Sie? Wir schreiben sie auf und prüfen sie, häufig im sokratischen Dialog. Danach entwickeln Sie ein eigenes, realistischeres Konzept. Im Kern steht dabei der Abschied von der Idee des „wertvollen“ Menschen. An seine Stelle tritt ein Selbstbild, das Eigenschaften und Handlungen beschreibt und einzeln bewertet, ohne daraus ein Urteil über die ganze Person abzuleiten.

Der dritte Schritt dauert am längsten. Ein neues Konzept zu verstehen heißt noch nicht, es im Alltag zu leben. Deshalb üben wir, zuerst in der Vorstellung, mit einem inneren Drehbuch für schwierige Situationen, dann schrittweise im Alltag, geordnet nach Schwierigkeit. Per Video lässt sich das gut begleiten, weil die Übungen ohnehin dort stattfinden, wo die Probleme auftreten: im Büro, in der Familie, im Verein.

Wie lange das dauert, hängt davon ab, wie fest ein Konzept sitzt und ob weitere Probleme hinzukommen. Einschätzen lässt sich das im Erstgespräch, vorher nicht.

Grundlagen

Stavemann, H. H. und Hülsner, Y.: Der Blick hinter das Symptom. Problemorientierte Kognitive Psychodiagnostik (PKP) und abgeleitete Behandlungspläne. 2. Auflage, dgvt-Verlag 2022.

Stavemann, H. H.: … und ständig tickt die Selbstwertbombe. 2. Auflage, Beltz 2020.

Stavemann, H. H., Scholz, A. und Scholz, K.: Integrative Kognitive Verhaltenstherapie (IKVT) für Selbstwertprobleme. dgvt-Verlag 2026.

Erstgespräch per Video

Ca. 45 Minuten, 50 €. Danach sage ich Ihnen offen, ob eine Therapie per Video für Sie passt.

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Häufige Fragen

Ist ein Selbstwertproblem eine Diagnose?

Nicht im Sinne der ICD-10. Die PKP ergänzt die übliche Diagnostik und beschreibt, welche Art von Bewertung hinter den Beschwerden steht. Zusätzlich kann eine Diagnose wie eine Angststörung oder eine depressive Episode vorliegen.

Ist das dasselbe wie geringes Selbstbewusstsein?

Nein. Selbstbewusstsein beschreibt, wie sicher jemand auftritt. Ein Selbstwertproblem betrifft den Maßstab, nach dem sich jemand als Person beurteilt. Manche treten sehr sicher auf und haben trotzdem ein ausgeprägtes Selbstwertproblem.

Lassen sich Selbstwertkonzepte verändern?

Selbstwertkonzepte sind gelernt und damit grundsätzlich veränderbar. Wie viel Zeit und Übung das braucht, ist sehr unterschiedlich und lässt sich erst nach dem Erstgespräch einschätzen.

Ralf Baumhöfer, Heilpraktiker, beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie

Über den Autor

Ralf Baumhöfer, Heilpraktiker, beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie. Ausgebildet am IVT Hamburg in Integrativer Kognitiver Verhaltenstherapie nach Stavemann. Mitglied im Verband freier Psychotherapeuten (VfP). Mehr über mich

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder Behandlung. Die Fallbeispiele sind aus mehreren Verläufen zusammengesetzt und verändert.

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