Das Wichtigste in Kürze
- Im Kern steht die Angst, von anderen negativ bewertet zu werden.
- Vermeidung und unauffälliges Sicherheitsverhalten halten die Angst aufrecht.
- In der Therapie verbinden wir die Arbeit an Bewertungen mit Verhaltensexperimenten im Alltag.
- Termine reservieren Sie online, ohne Telefonat.
Wie soziale Angst aussieht
Montag, Teambesprechung. Sie haben eine Idee, die Sie seit dem Wochenende mit sich herumtragen. Der Moment kommt, in dem Sie etwas sagen könnten. Ihr Gesicht wird warm, die Stimme fühlt sich fremd an, und im Kopf läuft schon der Film: Alle schauen, jemand verzieht das Gesicht, die Chefin denkt sich ihren Teil. Sie sagen nichts. Abends ärgern Sie sich darüber, zwei Stunden lang.
Im Kern geht es um die Angst, von anderen negativ bewertet zu werden. Sie zeigt sich beim Sprechen vor anderen, beim Essen in der Kantine, beim Telefonieren, beim Unterschreiben, wenn jemand zuschaut, oder schon beim Gedanken an eine Feier, auf der man kaum jemanden kennt. Viele Betroffene gelten als schüchtern, zurückhaltend oder sehr gewissenhaft. Dass sie leiden, sieht man ihnen selten an.
Schüchternheit oder soziale Angst?
Die Grenze ist fließend. Schüchternheit ist ein Persönlichkeitszug, mit dem viele gut leben. Von einer sozialen Angststörung spricht man, wenn die Angst stark ist, über lange Zeit besteht und das Leben spürbar einschränkt: wenn Sie eine Beförderung ablehnen, weil Sie dann Präsentationen halten müssten, wenn Sie nicht zum Arzt gehen, weil Sie dort Ihr Anliegen schildern müssten, wenn Freundschaften einschlafen, weil jedes Treffen eine Überwindung ist.
Was die Angst am Leben hält
Vermeidung
Die naheliegende Lösung ist, Situationen aus dem Weg zu gehen. Kurzfristig bringt das Erleichterung. Langfristig fehlt die Erfahrung, dass die Befürchtung so nicht eintritt, und die Angst wächst.
Sicherheitsverhalten
Wer sich der Situation stellt, nutzt oft unauffällige Strategien. Man bereitet jeden Satz vor, spricht leise, vermeidet Blickkontakt, hält ein Glas in der Hand, damit niemand das Zittern sieht, oder verlässt die Feier als Erster. Das fühlt sich schützend an. Es sorgt aber dafür, dass man den Erfolg nicht sich selbst zuschreibt, sondern der Vorsicht.
Selbstbeobachtung und Nachbereitung
Während der Situation richtet sich die Aufmerksamkeit nach innen: Werde ich rot? Merkt man es? Danach folgt oft eine lange Nachbereitung, in der jeder Satz noch einmal geprüft wird. Das Ergebnis dieser Prüfung ist fast immer negativ, weil nur die Momente erinnert werden, die sich unangenehm angefühlt haben.
Warum Video hier ein guter Anfang ist
Kein Wartezimmer, in dem man sitzt und gesehen wird. Kein Telefonat, um einen Termin zu bekommen. Kein fremder Raum, in dem man sich erst orientieren muss. Für manche ist genau das der Unterschied, ob sie überhaupt anfangen. Das ist kein Ausweichen, sondern ein vernünftiger Einstieg.
Ein Missverständnis sollte man aber gleich ausräumen: Der Bildschirm ersetzt die Übung im echten Leben nicht. Er macht sie planbar. Und die Videosprechstunde ist selbst schon eine soziale Situation. Sie sprechen mit einem Menschen, der Sie sieht. Was Sie dabei empfinden, ist für die Arbeit wertvoll.
Was wir in der Therapie tun
Die Bewertungen prüfen
Wir schauen zuerst auf die Bewertungen, die die Angst antreiben. „Wenn ich rot werde, halten mich alle für unfähig.“ „Ich muss perfekt formulieren, sonst blamiere ich mich.“ „Wenn mich jemand nicht mag, ist das unerträglich.“ Solche Sätze prüfen wir im sokratischen Dialog nach dem SKR-Modell. Woher wissen Sie, was die anderen denken? Woran würden Sie das erkennen? Was würden Sie einem Freund sagen, der so über sich denkt?
Verhaltensexperimente
Dann kommen Verhaltensexperimente. Sie stellen in der Besprechung eine Frage und notieren vorher, was Sie befürchten, und danach, was tatsächlich passiert ist. Oder Sie lassen bewusst ein Sicherheitsverhalten weg, sprechen etwa ohne vorbereiteten Zettel. In der nächsten Sitzung werten wir das gemeinsam aus. Per Video passt das zusammen, weil die Übungen ohnehin in Ihrem Alltag stattfinden, in Ihrem Büro, Ihrem Verein, Ihrer Nachbarschaft.
Die Aufmerksamkeit nach außen lenken
Ein weiterer Baustein ist das Training der Aufmerksamkeit. Statt sich selbst zu beobachten, üben Sie, auf das Gespräch und das Gegenüber zu achten. Das klingt einfach und ist anfangs ungewohnt. Wir üben es zuerst in der Sitzung.
Ein Beispiel aus der Praxis
Das folgende Beispiel ist aus mehreren Verläufen zusammengesetzt und verändert. Ein Student, Anfang zwanzig, hat seit zwei Semestern kein Referat gehalten. Er schreibt stattdessen Hausarbeiten, wo es möglich ist, und meldet sich in Seminaren nie. In den ersten Sitzungen sammeln wir die Situationen, die er meidet, und ordnen sie nach Schwierigkeit. Der erste Schritt ist klein: in einem Online-Seminar die Kamera einschalten. Der zweite: eine Frage stellen. Bei jedem Schritt notiert er seine Erwartung und das, was passiert ist. Der Unterschied zwischen beidem ist das eigentliche Material für die Therapie.
Grenzen
Wenn die Angst so stark ist, dass Sie das Haus kaum noch verlassen, oder wenn Alkohol zum festen Mittel gegen die Anspannung geworden ist, braucht es oft mehr als eine Sitzung pro Woche. Auch wenn eine Depression hinzukommt, ist eine zusätzliche ärztliche Abklärung sinnvoll. Das besprechen wir im Erstgespräch. Ich sage Ihnen ehrlich, ob ich der Richtige bin.
Was Angehörige tun können
Partner, Eltern oder Freunde sehen oft, wie jemand sich zurückzieht, und wollen unterstützen. Gut gemeint ist dabei häufig, Situationen abzunehmen: für den anderen zu telefonieren, beim Elternabend das Reden zu übernehmen, Einladungen abzusagen. Kurzfristig erleichtert das. Langfristig nimmt es die Gelegenheit, eigene Erfahrungen zu machen.
Sinnvoller ist, Interesse zu zeigen, ohne zu drängen, und kleine Schritte anzuerkennen, ohne sie groß zu feiern. Wenn Sie als Angehöriger unsicher sind, wie Sie sich verhalten sollen, kann eine gemeinsame Sitzung sinnvoll sein. Das besprechen wir, wenn die betroffene Person das möchte.
Soziale Angst im Beruf
Viele meiner Klienten mit sozialer Angst sind beruflich erfolgreich. Sie arbeiten gründlich, sind beliebt und gelten als zuverlässig. Gleichzeitig vermeiden sie genau die Situationen, in denen sie sichtbar würden: das Gespräch über eine Gehaltserhöhung, die Präsentation vor der Geschäftsführung, das Netzwerktreffen nach der Konferenz. Das kostet über die Jahre oft mehr als man denkt, und es wird selten als Folge der Angst erkannt. In der Therapie nehmen wir solche Situationen gezielt in den Übungsplan auf.
Wie lange es dauert
Soziale Angst besteht oft seit der Jugend. Entsprechend braucht die Arbeit Zeit. Wie viel, lässt sich vorher nicht sagen. In den ersten Sitzungen legen wir gemeinsam fest, woran Sie selbst einen Fortschritt erkennen würden, zum Beispiel an einer Frage in der Teambesprechung pro Woche.
Kosten und Ablauf
Das Erstgespräch dauert etwa 45 Minuten und kostet 50 €. Sie reservieren es im Online-Kalender, ohne Telefonat. Eine Sitzung von 60 Minuten kostet 110 €, das Modulpaket mit sechs Sitzungen 550 €.
Erstgespräch per Video
Ca. 45 Minuten, 50 €. Danach sage ich Ihnen offen, ob eine Therapie per Video für Sie passt.
Häufige Fragen
Muss ich in der Videosprechstunde die Kamera einschalten?
Für die Therapie ist es wichtig, dass wir uns sehen. Wenn Ihnen das anfangs schwerfällt, sprechen wir darüber und finden einen Einstieg.
Kann ich den Termin reservieren, ohne anzurufen?
Ja. Erstgespräche reservieren Sie ausschließlich im Online-Kalender. Für Fragen können Sie mir eine E-Mail schreiben.
Ist soziale Angst dasselbe wie Schüchternheit?
Nicht ganz. Von einer sozialen Angststörung spricht man, wenn die Angst stark ist, lange besteht und das Leben spürbar einschränkt.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder Behandlung. Die Fallbeispiele sind aus mehreren Verläufen zusammengesetzt und verändert.
