Das Wichtigste in Kürze
- Die ICD-11 beschreibt Burnout unter QD85 als Phänomen der Arbeitswelt und führt es nicht als Krankheit.
- Körperliche Ursachen wie eine Schilddrüsenunterfunktion oder Blutarmut klärt vor der Online-Therapie ein Arzt.
- Per Zoom gehen wir einzelne Arbeitssituationen auf einem geteilten Arbeitsblatt durch und suchen die Bewertungen hinter dem schnellen Ja.
- Eine Krankschreibung stellt nur ein Arzt aus, die Therapie per Video kann parallel laufen.
Freitag, 16.45 Uhr
Katrin hat den Laptop schon halb zugeklappt, als die Nachricht aufpoppt. Ihr Bereichsleiter, ohne Gruß: „Kannst du die Vorstandspräsentation bis Montag fertig machen? Die Q3-Zahlen fehlen noch.“ Vier Sekunden später steht da ihr „Mache ich“. Den Ausflug mit ihrer Tochter sagt sie am Samstagmorgen ab, und am Sonntag um 23.10 Uhr schickt sie die Datei.
Katrin gibt es so nicht, ihre Geschichte ist aus mehreren Verläufen zusammengesetzt. Menschen wie sie kommen mit dem Wort Burnout in meine Online-Therapie, oft nach Monaten, in denen sie sich eingeredet haben, das sei nur eine volle Phase. Per Video arbeiten wir an genau solchen Freitagen, häufig von dem Schreibtisch aus, an dem die Nachricht ankam.
Burnout nach der ICD-11: drei Merkmale, keine Krankheit
Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt Burnout unter dem Code QD85 als Syndrom, das aus chronischem Stress am Arbeitsplatz hervorgeht, wenn dieser Stress auf Dauer nicht bewältigt werden konnte. Dazu gehören Energieverlust und Erschöpfung, eine zunehmende mentale Distanz zum Job, häufig mit Zynismus, und das Erleben, beruflich weniger zu bewirken. Als medizinische Erkrankung gilt Burnout dort ausdrücklich nicht, und der Begriff ist für die Arbeit reserviert.
Ganz ähnliche Dimensionen hatten Christina Maslach und Susan Jackson 1981 mit einem Fragebogen erfasst. Die ICD-11 grenzt Burnout zudem ab, unter anderem von der Depression, von Angststörungen und von der Anpassungsstörung. Liegt so etwas vor, gehört es eigens benannt.
Vor dem Beginn per Video sollte ein Arzt körperliche Ursachen ausgeschlossen haben. Eine Schilddrüse, die zu wenig Hormon bildet, eine Blutarmut oder ein seit Jahren zu kurzer Schlaf fühlen sich oft genauso an wie ausgebrannt sein.
Wie Erschöpfung sich einschleicht
An einem Dienstag einfach umzufallen ist die Ausnahme. Meistens beginnt es mit Einsatz, oft mit echter Freude an der Arbeit. Dann schrumpft die Mittagspause auf ein Brötchen am Bildschirm, und Mails um 22 Uhr werden normal. Wenn die Kraft nachlässt, antworten viele mit noch mehr Arbeit, um den Rückstand aufzuholen. Gerade das beschleunigt den Weg nach unten.
Belastung von außen und Antreiber von innen sind zwei verschiedene Dinge. Die äußere Last ist real, zu wenig Personal etwa oder ein Vorgesetzter, der Druck nach unten durchreicht. Ist der Job selbst das Problem, besprechen wir auch, was sich ändern lässt und welche Entscheidung ansteht. Die inneren Antreiber sind leiser und klingen nach Pflichtbewusstsein: „Gut ist nicht gut genug.“ Meistens kommen beide zusammen.
Der Freitag auf dem geteilten Bildschirm
In der Zoom-Sitzung teile ich ein Arbeitsblatt, und wir füllen es gemeinsam aus. Für Katrins Freitag sieht es ungefähr so aus:
- Situation: die Nachricht um 16.45 Uhr.
- Was sie sieht: kein Gruß, kein Bitte, der grüne Punkt hinter seinem Namen.
- Was sie daraus folgert: Er erwartet sofort eine Antwort.
- Wie sie es bewertet: „Wenn ich jetzt ablehne, bin ich bei ihm unten durch, und dann bin ich die, die nicht liefert.“
- Ihre Strategie: zusagen, bevor sich der Zweifel meldet.
- Gefühl: Druck, kurz Erleichterung, am Samstag Wut auf sich selbst.
- Körper: ein Ziehen hinter dem Brustbein.
- Verhalten: zwei Tage am Laptop.
Dann fangen die Fragen an. Hat er wirklich nur sie gefragt? Was hätte „Die Zahlen bis Montag, die Folien bis Mittwoch“ ausgelöst? Katrin weiß es nicht, weil sie es nie ausprobiert hat. Zwischen Befürchtung und Erfahrung klafft eine Lücke. Mit ihr arbeiten wir.
Was das schnelle Ja verhindern soll
Bei jedem Verhalten frage ich, welchen Auftrag es hat. Katrins „Mache ich“ soll verhindern, dass ihr Chef enttäuscht ist und sie als unzuverlässig dasteht. Das ist nachvollziehbar. Nur lässt sich dieser Auftrag mit keinem Ja der Welt endgültig erledigen, denn nächsten Freitag kommt die nächste Nachricht.
Der Ruf nach mehr Work-Life-Balance trifft Katrin deshalb nicht. Dass sie zu viel arbeitet, weiß sie längst, seit dem Frühjahr spätestens. Warum sie trotzdem zusagt, weiß sie nicht. Die Erschöpfung und Katrins Reaktion auf die Freitagsnachricht nehmen wir uns direkt vor. Genauso will ich wissen, was dieses Ja überhaupt nötig macht.
Für diese Frage nach der Ursache greife ich zur PKP. Stavemann hat sie Problemorientierte Kognitive Psychodiagnostik genannt, und jedes der drei Wörter beschreibt einen Arbeitsschritt. Das Problem ist Katrins Freitag um 16.45 Uhr, mit Absender und Uhrzeit. Kognitiv heißt, wir halten die vier Sekunden bis zum „Mache ich“ an und fragen, was sie bemerkt, was sie folgert und wie sie urteilt. Psychodiagnostik heißt, dass diese Urteile gesammelt und eingeordnet werden, bevor wir eines davon antasten. Die Integrative Kognitive Verhaltenstherapie (IKVT), aus der die PKP stammt, habe ich bei Stavemann am IVT Hamburg gelernt, in einer Ausbildung, die 2018 begann und 2023 endete.
Woraus sich die Erschöpfung speist
Stavemann unterscheidet drei Grundprobleme. Die Erschöpfung sieht bei allen gleich aus, solange man nur von außen hinschaut.
Selbstwert: wenn die Leistung über den Menschen urteilt
Für Katrin ist eine Präsentation nie nur eine Präsentation. Hakt eine Folie, ist sie die, die nichts kann, und aus einer einzigen Rückmeldung wird ein Gesamturteil über sie als Person. Stavemann nennt eine verwandte Haltung zugespitzt Applausfetischismus: Man richtet sich aus Angst vor Ablehnung nach den vermuteten Wünschen anderer. Meine Haltung dazu ist schlicht. Ihre Folien darf man kritisieren, auch scharf. Ob Sie als Mensch etwas taugen, ist damit nicht verhandelt. Mehr zu Selbstwertproblemen
Eine Präsentation darf misslingen. Über Ihren Wert als Mensch sagt sie nichts.
Frustrationsintoleranz: Dauerärger kostet Kraft
Markus, ebenfalls zusammengesetzt, fährt im Außendienst 60 000 Kilometer im Jahr und ist aus einem anderen Grund leer. Er ärgert sich über das neue Kundensystem, das jeden Abend eine Stunde Nachpflege verlangt. „So geht man mit Leuten nicht um.“ Dahinter stehen Forderungen an eine Welt, die sich nicht danach richtet, und der Dauerärger frisst seine Energie. Die andere Seite kennt er auch: Die Reisekostenabrechnungen von vier Monaten liegen im Handschuhfach, weil schon der Gedanke daran unerträglich wirkt. Mehr zur Frustrationsintoleranz
Existenzielles Problem: Angst um die Grundlage
Eine selbständige Physiotherapeutin, 49, arbeitet seit Monaten sechs Tage die Woche. „Wenn ich eine Woche ausfalle, wandern die Patienten ab, und die Miete läuft weiter.“ Hier steht die Existenz auf dem Spiel. Geprüft wird, wie wahrscheinlich das Befürchtete ist und wie sie es bewältigen könnte, falls es eintritt. Bewältigung statt Gewissheit nenne ich das. Mehr zu existenziellen Problemen
Die Grundprobleme können aufeinander aufbauen. Wer lange aus Ärger erschöpft ist, wertet sich irgendwann für die Erschöpfung ab: „Ich bin einfach nicht belastbar.“ Womit wir anfangen, ergibt sich aus Ihren eigenen Szenen.
Wer im Team alles übernimmt: der Kiesler-Kreis
Fragt jemand im Team „Kannst du kurz …“, kann Katrin. Der amerikanische Psychologe Donald J. Kiesler hat für solche Abläufe ein Kreismodell entworfen. Eine Achse fragt nach Kontrolle, also ob jemand eher dominant bestimmt oder sich unterwürfig fügt. Die andere fragt nach Zuneigung, fachlich Affiliation, und reicht von herzlich bis feindselig. Acht Positionen liegen auf diesem Kreis.
Katrin steht häufig freundlich-unterwürfig. Sie erfüllt Wünsche vorauseilend, und die eigenen Bedürfnisse fallen unter den Tisch. Auf der Kontrollachse antwortet man sich nach dem Modell entgegengesetzt. Auf der Zuneigungsachse antwortet man gleichartig, Freundlichkeit bringt Freundlichkeit und Feindseligkeit bringt Feindseligkeit. Wer nachgibt, ruft also jemanden auf den Plan, der bestimmt, und wer freundlich nachgibt, bekommt einen Bereichsleiter, der freundlich und bestimmt Aufgaben bei ihr ablädt. Böse Absicht braucht es dafür keine.
Kein Platz im Kreis ist an sich ungesund, auch Nachgeben hat seine Zeit. Problematisch wird ein Stil erst, wenn er starr oder extrem ausfällt und in jeder Lage gleich abläuft.
Was aus der Familie mit ins Büro kommt
Katrins Vater fragte jeden Abend: „Und, was hast du heute geschafft?“ Wie es ihr ging, fragte er selten. Im Kiesler-Kreis-Training heißen solche Erfahrungen Prägungen durch wichtige Bezugspersonen und werden gezielt herausgearbeitet. Aus Katrins Bindungserfahrung wurde eine Erwartung: Gesehen wird, wer liefert. Ob ihr Bereichsleiter das wirklich so sieht, ist offen.
Einfluss ja, Garantie nein
Ihren Arbeitgeber steuern Sie nicht. Die nächste Umstrukturierung liegt außerhalb Ihrer Reichweite, wann Sie antworten und was Sie zusagen, liegt darin. In „Erst wenn ich sicher bin“ nenne ich diese Haltung die Baumhöfer-Note: Einfluss statt Garantie. Vielleicht reagiert der Bereichsleiter verstimmt auf „Die Folien bis Mittwoch“. Ob es gut ausgeht, weiß vorher niemand, auch ich nicht.
Gearbeitet wird an Szenen aus dem Alltag. Zuerst prüfen wir Katrins Bewertung im Gespräch. Ist ein Chef, der kurz verstimmt ist, schon ein Urteil über sie? Daraus formuliert sie eine eigene Sichtweise, etwa: „Wenn er enttäuscht ist, ist das unangenehm. Über meinen Wert entscheidet es nicht.“ Auf dem geteilten Bildschirm schreiben wir ein Drehbuch für den nächsten Freitag. Das geht sie zuerst in der Vorstellung durch, an genau dem Schreibtisch, an dem die Nachricht später aufpoppen wird.
Die nächste Bitte kommt ohnehin, vielleicht schon am Dienstag, wenn die Kollegin „kurz“ eine Tabelle möchte. Was Katrin dann denkt und tut, besprechen wir in der folgenden Sitzung. Jede Wiederholung tritt den neuen Gedankenweg fester, wie einen Trampelpfad. Den alten wird Katrin noch manchmal gehen. Sie bemerkt es nur früher.
Krankschreibung und Rückkehr in den Beruf
Eine Krankschreibung darf ich nicht ausstellen. Das Entgeltfortzahlungsgesetz verlangt eine ärztliche Bescheinigung, zuständig ist Ihr Hausarzt oder ein Facharzt. Medikamente verordne ich ebenfalls nicht. Per Video arbeiten wir trotzdem parallel an den Mustern hinter der Erschöpfung.
Oft ist der Weg zurück schwieriger als die Pause. Nach längerer Krankheit kann Ihr Arzt eine stufenweise Wiedereingliederung nach § 74 SGB V vorschlagen, das sogenannte Hamburger Modell. Waren Sie innerhalb eines Jahres länger als sechs Wochen arbeitsunfähig, muss Ihr Arbeitgeber Ihnen ein Betriebliches Eingliederungsmanagement anbieten, kurz BEM, und die Teilnahme ist freiwillig. Solche Gespräche bereiten wir vor. Ebenso die Antwort für die Kollegin, die am ersten Tag in der Teeküche fragt: „Was war denn los?“
Online-Therapie bei Burnout: das Erstgespräch per Zoom
Für das Erstgespräch planen Sie etwa 45 Minuten ein, es kostet 50 €. Sie reservieren es im Online-Kalender und bekommen einen Zoom-Link. Suchen Sie sich dafür einen Ort, an dem Sie ungestört sind. Das Büro mit offener Tür ist es nicht, das Auto auf einem ruhigen Parkplatz kann es sein. Sie müssen sich dabei in Deutschland befinden, auch im geparkten Auto.
Ich frage nach Ihrem Anlass und danach, wie lange das schon so geht. Danach greifen wir einen Moment aus den letzten Wochen heraus, Ihren eigenen Freitag um 16.45 Uhr gewissermaßen, und gehen ihn langsam durch. Zum Schluss hören Sie meine Einschätzung, auch dazu, ob Video für Ihr Anliegen der richtige Weg ist.
Nicht geeignet ist eine Videosprechstunde bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung. Bei Suizidgedanken rufen Sie die 112 oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117. Die TelefonSeelsorge ist kostenfrei unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 und 116 123 erreichbar. Bei schwerer Erschöpfung kann eine Klinik der passendere Rahmen sein.
Honorar und Modulpaket
Eine Sitzung per Video dauert 60 Minuten und kostet 110 €. Außerdem gibt es ein Modulpaket mit sechs Sitzungen für 550 €. Gesetzliche Krankenkassen zahlen nicht. Was Ihre private Krankenversicherung oder eine Zusatzversicherung übernimmt, steht in Ihrem Tarif. Termine, die Sie bis 24 Stunden vorher absagen, kosten nichts. Alle Gebühren
Quellen
World Health Organization: ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, QD85 Burnout. Sowie: Burn-out an „occupational phenomenon“: International Classification of Diseases, who.int.
Maslach, C. und Jackson, S. E. (1981): The measurement of experienced burnout. Journal of Occupational Behaviour 2 (2), 99–113.
Kiesler, D. J. (1983): The 1982 Interpersonal Circle. A taxonomy for complementarity in human transactions. Psychological Review 90 (3), 185–214.
Guhn, A., Köhler, S. und Brakemeier, E.-L. (2019): Kiesler-Kreis-Training. Manual zur Behandlung interpersoneller Probleme. Weinheim: Beltz.
Entgeltfortzahlungsgesetz (EntgFG), § 5. Sozialgesetzbuch V, § 74. Sozialgesetzbuch IX, § 167 Abs. 2.
Erstgespräch per Video
Ca. 45 Minuten, 50 €. Danach sage ich Ihnen offen, ob eine Therapie per Video für Sie passt.
Häufige Fragen
Ist Burnout eine anerkannte Diagnose?
Als Krankheit nicht. Die ICD-11 führt Burnout unter QD85 als berufsbezogenes Phänomen. Kommt eine Depression oder Angststörung hinzu, wird sie eigens festgestellt.
Stellen Sie eine Krankschreibung aus?
Nein, das kann nur ein Arzt. Die Online-Therapie kann parallel zur Krankschreibung laufen.
Geht eine Sitzung auch in der Mittagspause?
Wenn Sie in dieser Stunde ungestört sind, ja. Großraumbüro und Besprechungsraum mit Glaswand scheiden aus.
Wie läuft eine Sitzung per Zoom ab?
Wir nehmen eine konkrete Situation auf dem geteilten Arbeitsblatt auseinander, prüfen Ihre Bewertung und erarbeiten eine neue Sichtweise. Was Sie damit im Alltag erleben, ist Thema der nächsten Sitzung.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder Behandlung. Die Fallbeispiele sind aus mehreren Verläufen zusammengesetzt und verändert.
